Zwischen Helfen und Unternehmersein – ein Spannungsfeld für Coaches
Warum fachliche Kompetenz allein den Alltag oft nicht trägt
Viele Coaches sind mit einem klaren inneren Antrieb gestartet:
Menschen begleiten, unterstützen, Veränderung ermöglichen.
Dieser Antrieb ist wertvoll.
Er ist oft der Grund, warum Coaching wirkt.
Gleichzeitig entsteht genau hier ein Spannungsfeld, das viele unterschätzen.
Zwei Rollen, ein Alltag
Als Coach bist du Fachkraft.
Als Selbstständige:r bist du Unternehmer:in.
Beide Rollen haben unterschiedliche Anforderungen:
Die Rolle als Coach:
- zuhören
- begleiten
- Raum halten
- Prozesse ermöglichen
Die Rolle als Unternehmer:
- Entscheidungen treffen
- Strukturen schaffen
- Verantwortung tragen
- Rahmenbedingungen sichern
Beides findet im selben Alltag statt –
aber folgt nicht derselben Logik.
Warum dieses Spannungsfeld so herausfordernd ist
Viele Coaches identifizieren sich stark mit der helfenden Rolle.
Sie ist vertraut, sinnstiftend und oft positiv besetzt.
Die unternehmerische Rolle hingegen:
- fühlt sich fremd an
- wirkt sachlich
- erscheint manchmal kalt oder zweckorientiert
Das führt zu inneren Konflikten wie:
- „Ich will helfen, nicht verwalten.“
- „Ich will Menschen begleiten, nicht entscheiden müssen.“
- „Ich will wirksam sein, nicht unternehmerisch denken.“
Diese Gedanken sind verständlich –
aber sie lösen das Spannungsfeld nicht auf.
Wenn die Unternehmerrolle verdrängt wird
Viele Coaches versuchen, die unternehmerische Seite möglichst klein zu halten.
Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus innerem Widerstand.
Typische Folgen:
- Entscheidungen werden aufgeschoben
- Strukturen bleiben vage
- Organisation wird zur Nebensache
- Verantwortung fühlt sich schwer an
Langfristig entsteht genau das, was eigentlich vermieden werden sollte:
Überforderung, Unsicherheit und Frust.
Helfen braucht einen stabilen Rahmen
Aus organisationspsychologischer Sicht ist das gut erklärbar.
Studien zur Rollenambiguität zeigen:
Unklare Rollenerwartungen führen zu Stress, innerer Spannung und geringerer Arbeitszufriedenheit.
(Kahn et al., Organizational Stress Studies)
Wenn nicht klar ist, in welcher Rolle man gerade handelt,
entsteht innere Reibung – selbst bei sinnvoller Arbeit.
Unternehmersein heißt nicht, weniger Mensch zu sein
Ein verbreiteter Irrtum:
Unternehmerisches Denken stehe im Widerspruch zu Menschlichkeit.
In der Praxis ist oft das Gegenteil der Fall.
Unternehmerische Klarheit:
- schafft Verlässlichkeit
- ermöglicht Grenzen
- schützt Ressourcen
- sichert Qualität
Gerade im helfenden Berufsfeld ist das kein Luxus,
sondern eine Voraussetzung für langfristige Wirksamkeit.
Das Spannungsfeld lässt sich nicht auflösen – aber gestalten
Dieses Spannungsfeld verschwindet nicht.
Und das muss es auch nicht.
Es geht nicht darum, eine Rolle zu wählen
und die andere aufzugeben.
Es geht darum:
- beide Rollen anzuerkennen
- sie bewusst zu unterscheiden
- ihnen jeweils Raum zu geben
Nicht gleichzeitig – sondern situativ klar.
Was vielen Coaches hilft
Hilfreich ist oft:
- die Unternehmerrolle nicht zu bewerten, sondern zu akzeptieren
- Entscheidungen nicht als Gegensatz zur Beziehung zu sehen
- Struktur als Unterstützung, nicht als Einschränkung zu begreifen
Das verändert den Blick:
Unternehmersein wird nicht zum Gegenspieler,
sondern zum Rahmen für gute Arbeit.
Ein realistischer Blick auf Verantwortung
Verantwortung im unternehmerischen Sinne bedeutet nicht:
- alles kontrollieren
- alles planen
- alles vorhersehen
Verantwortung bedeutet:
den Rahmen so zu gestalten,
dass die eigene Arbeit tragfähig bleibt.
Für sich selbst – und für andere.
Einordnender Abschluss
Zwischen Helfen und Unternehmersein entsteht ein Spannungsfeld,
das viele Coaches lange begleitet.
Nicht, weil etwas falsch läuft.
Sondern weil beide Rollen unterschiedliche Sprachen sprechen.
Wer lernt, diesen Unterschied bewusst zu gestalten,
gewinnt nicht nur Struktur –
sondern auch innere Ruhe.
👉 Weiterführend
Wenn du merkst, dass dich nicht das Coachen selbst ermüdet,
sondern die vielen Entscheidungen und Verantwortlichkeiten drumherum,
liegt das oft an einem ungelösten Rollenspannungsfeld.
Genau hier setzt begleitete Strukturarbeit an.
Dieser Artikel gehört zu einer zusammenhängenden Serie.
Eine Übersicht aller Beiträge findest du hier.
